Die Nacht hat noch emotionale Nachwirkungen die verarbeitet werden müssen, entschuldigt falls etwas doppelt ist.
Beim morgendlichen Revuepassieren der letzten Nacht wird einem erst richtig klar, was da eigentlich passiert ist. So ähnlich muss sich ein 6er im Lotto anfühlen.
Alle Busse zum Nordkap: gestrichen. Die reguläre Polarlichtsuche: gekippt. Nur eine einzige Tour, unsere Quadtour der Bekloppten, startete überhaupt in diese Wand aus Eis und Wind. Wenn ich jetzt so auf die Fahrt zurückblicke: Der Wind hämmerte phasenweise so hart von der Seite, dass man das Gefühl hatte, mitsamt dem Quad von der Straße gedrückt zu werden. Als Krönung kam uns noch ein Schneepflug entgegen und panierte uns im Vorbeifahren großzügig mit Schneematsch.
Aber dann, am ersten Stopp, passierte es. Der Schnee hörte abrupt auf. Man konnte zusehen, wie sich die Wolken zuerst verfärbten, dann nach und nach aufbrachen und einen größtenteils sternenklaren Himmel freigaben. Ein direkter Blick ins Universum. Und wir bekamen unsere Belohnung.
Wenn ich heute über das Schiff laufe, tun mir die anderen fast schon leid, dass sie es nicht so erleben durften. Nur 18 Passagiere und zwei Guides – 20 Leute von 2.500 an Bord. Genau das macht es so besonders. Wenn man Polarlichter zusammen mit 2.000 anderen auf dem Deck sieht – Stimmung und Gedränge wie in einem vollen Fußballstadion –, dann schiebt man, man drängelt, man kämpft um den besten Platz an der Reling. Gestern Nacht war es ein reines „Nur wir“-Erlebnis. Das waren unsere Polarlichter. Es gibt nicht viele Momente im Leben, an denen man denkt: „Wenn ich jetzt, genau jetzt, einfach umfalle und weg bin – dann wäre das völlig okay.“
Gestern war einer davon.
Ein kurzer Nachtrag noch zum Personen dieser Reise: Ich wünschte wirklich, die Lederhose wäre ein Märchen. Ein Running Gag, den ich mir ausgedacht habe, um einen roten Faden durch den Text zu spinnen, der euch Leser leitet. Aber sie ist leider sehr real. Sie quietscht selbst für mich hörbar noch immer an Tag 9 auf den Stühlen des Buffetrestaurants.
Heute ging es nach der ganzen Aufregung erst einmal ruhig weiter. Gemütliches Frühstück und dann die Entscheidung, dem Bein mal eine Pause zu gönnen und die Prothese in der Ecke stehen zu lassen. Heilung und so. Also ging es auf Krücken – pardon, Unterarmgehstützen für die ganz Korrekten – in die Innenstadt von Honningsvåg.
Architektonische Erkenntnis des Tages: Die Häuser hier sind vermutlich primär von innen schön. Außen ist, zumindest in dieser Jahreszeit, optisch absolut nichts zu holen. Aber was soll man auch machen, wenn hier gefühlt zehn Monate im Jahr Schnee liegt? Da investiert man wohl eher in eine gute Heizung und hübsche Deko als in die Fassade.
Insgesammt denke ich das hier eh ein sehr spezieller Type Mensch (über)leben kann. Mein vollen Respekt!
Mittags dann die bewusste Flucht vor dem All-Inclusive-Einheitsbrei. Nichts gegen die Crew, die geben sich an Bord wirklich Mühe, aber es war einfach dringend nötig, mal was komplett anderes auf dem Teller zu haben. Gut gestärkt ging es danach noch in den Arctic Christmas Shop. Der Baum zu Hause bekommt dieses Jahr also eine neue Kugel, die uns an diesen ganzen Wahnsinn erinnern wird.
Zurück zum Schiff, insgesamt zwei Kilometer auf Krücken abgerissen. Jetzt erst mal Füße hoch – also drei.
Für Sandra heißt es heute dann noch Massage und Entspannungs-Dotting im Atelier. Ich entspanne währenddessen deutlich pragmatischer an der Poolbar bei zwei bis fünf Cocktails. Das ist übrigens auch der Grund, warum dieser Text heute so unüblich früh online geht. Ich bin mir schlichtweg nicht sicher, ob ich später am Abend noch in der Lage bin, einen unfallfreien Satz in die Tastatur zu tippen. Cheers.
Eure Sandra und Robin